Beihefte der Francia 42


Aber auch bereits Karl Valentin und lange zuvor auch etwa Markt Twain haben sich über die Tücken der deutschen Wortbildung ihre Gedanken gemacht, den Bahnbeamten hilft so was kaum. Warum sind Sie denn so aufgeregt? An der Tür steht Eingangskon troll e und passt auf, Die Getränke werden mit den Gehältern der User bezählt, der Reinigungsdienst wischt auf mit den Tränen der Gelöschte-Artikel-Autoren, Senf muss jeder selber mitbringen. Die Ohren warm reiben!

Inhaltsverzeichnis


Und so sprichst du mit deinem Vater? Du bist das Eine und ich bin das Andere.! Wir sind zwei völlig verschiedene Menschen! Wir bekämpfen einander, wir heben einander auf! So ist das eben im Leben! Wie sollten wir einander bekämpfen?

Was soll das für ein Kampf sein? Was ist denn in dich gefahren? Gar nicht hab ich mich zu hüten! So eben liegen die Dinge! Was bedeutet für dich schon die grundsätzliche Frage, ob dein Sohn hin wird oder nicht? Und das soll kein Kampf sein?

Es gibt keinen Gott! Das war das einzig Vernünftige! Und den ganzen Markusplatz in die Luft sprengen! Und doch steigert er. Ich will nicht schweigen! Dir ist deine katholische Kirche heilig! Aber auch sie wird bankrottmachen! Dein Hitzkopf wird bankrottmachen, nicht die Kirche! Sie existiert nicht mehr! Es scheint dir nur so, als existiere sie noch!

Aber in Wirklichkeit gibt es sie nicht mehr! Du bist ja nicht mehr normal! In deinem armen Kopf geht alles drunter und drüber! Ich bin ganz normal, aber ihr gehört alle ins Irrenhaus! Das alles um uns herum ist ein Irrenhaus. Nicht einmal in der eigenen Wohnung darf einer den Mund aufmachen, nicht reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist! Der Teufel soll alles holen! Aber was hat er schon davon? Der Sohn aber sitzt über seinen Büchern, den Kopf auf beide Ellenbogen aufgestützt, hat Kopfschmerzen, ist schläfrig, die Augen brennen ihm, und die Zeilen verschwimmen vor seinem Blick, er aber gibt nicht nach, sondern verharrt auf seinem Stuhl, kämpft mit dem Schlaf und verschlingt Sätze, Seiten, ganze Bücher und ganze Jahrhunderte.

Die Vision vom Kommen und Gehen ganzer Kulturen und Zivilisationen, vergehend und verlöschend wie das Laub und das Licht, schlingt er in sich hinein. Es nahm kein gutes Ende. Wieder war der Tag eines kaiserlichen Jubiläums angebrochen. Rechts von der Beamtenschaft sitzt die Generalität: Die Ereignisse entwickelten sich in der Folge mit dramatischer Rasanz und Logik. Auf Grund eines bestimmten Paragraphen wurde der Sohn des Wachtmeisters Kraintschetz als Mitschuldiger am Attentat vom Landesgerichtshof verurteilt, und infolge dieses rechtskräftigen, von der Septemvirtafel abschreckenden Beispiels halber hervorgehobenen und bestätigten Urteils für dreieinhalb Jahre in das Zuchthaus von Lepoglava geschickt.

Dies alles traf den alten Kraintschetz wie ein Blitzschlag: Im Zuchthaus der Sohn! Er sitzt in Lepoglava, im Zuchthaus! Der Leibhaftige ist es, nicht mein Sohn! Auf mich, auf mich, hoher Gerichtshof! Ich sag mich los von ihm! Beruhigen Sie sich doch! Sehen Sie das ein? Ich bedauere nichts, ich habe nichts zu bereuen! Ich bin stolz darauf, auf dieser Bank zu sitzen!

Was kann man da noch tun? Mit dem Kopf gegen die Wand rennen, damit er in Trümmer geht! Das ist alles, was einem bleibt! Und was hätte er davon? Das einzig Kluge war, nicht daran zu denken!

Und wie sehr er auch wünschte, nicht mehr nachdenken zu müssen und alles in die schwarzen Tücher des Vergessens einzuhüllen, so wühlte er dennoch unaufhörlich und besessen immer in den jüngsten Ereignissen herum, eine Einzelheit nach der anderen ans Licht holend, bis zu den unglaublichsten winzigsten Kleinigkeiten, die er beobachtet hatte — und alles lebt und bebt in ihm mit krankhafter Schärfe und aufgedunsener Plastizität.

Kein Altweibergewäsch war es gewesen, sondern die reine Wahrheit! In jener Nacht, als sie Rudolf holten noch vor Mitternacht , war Kraintschetz wie gewöhnlich leicht benebelt vom Wein heimgekommen und hatte den Jungen bei der Petroleumlampe gefunden. Er hatte seine Finger dabei! Das war ja die. Die Polizei, in seinem Haus, und noch dazu mitten in der Nacht! Die Droschke — wie lange wohl hatte er noch der Droschke nachgehorcht, die ihm seinen Einzigen entführte!

Wohin um Gottes willen? Der Alte lehnte das Ohr auf die Tischplatte und horcht: Wie krankhaft atmet er! Es wird ihm doch nicht schlecht sein?

Er wird doch am Ende nicht sterben? Geben Sie mir noch drei Zenti! Es geht ja schon auf Mitternacht! Geben Sie mir wenigstens zwei! Hol alles der Teufel! Und der Rädelsführer von alledem war angeblich sein Sohn. Diese schlimme Nachricht also gelangte zum alten Kraintschetz, und er wollte es und wollte es nicht glauben.

Eines Tages würde er noch einen Menschen töten und auf dem Galgen enden! Er hat den Verstand verloren!

Der Teufel selber ist in diesen Unglücksburschen gefahren! Es war ein schöner und heller warmer Märzentag, als der alte Kraintschetz durch die Pforte des altersgrauen Paulinerinnenklosters trat; alles roch nach Weihrauch, die Orgel dröhnte, und über den vergoldeten Blitzableitern tanzten blaue Schatten der himmlischen Heiterkeit.

Er war der Beste in der Klasse! Sein eigener Sohn sollte ein Anarchist sein? Wie ein Truthahn, dem man den Kopf abgehackt hat, taumelte der alte Kraintschetz aus dem kalten und öden Paulinerinnenkloster von Lepoglava ins Freie. Sein Sohn war also ein Anarchist. Er wandte sich um und blickte auf das gewaltige unsympathische vergitterte Gebäude, als sähe er sein eigenes Grab. Den Sohn wollte er gar nicht mehr sehen. Alles soll der Teufel holen! Aber er hat ja nichts gestohlen! Nur die Politik hat ihn dort hineingebracht.

Und wenn er wieder herauskommt, dann wird er sich in die vordersten Reihen der nationalen Kräfte einreihen! Journalist werden, Volkspolitiker, Abgeordneter, und das Volk wird ihn noch auf den Händen tragen! Meine Lieben — sehen Sie jetzt? Sind denn das noch Menschen? Journalisten sind ja keine Menschen mehr! Für einen Liter Wein schmiert dir so ein Journalist hin, was du nur willst! In alles und jedes stecken sie ihre Nase, diese Journalisten!

Wo nur ein Skandal ist, wo immer man einschreitet, gleich ist auch ein Journalist dabei. Und wenn dieser verdorbene Viehskerl jetzt auch noch Journalist werden sollte, das fehlte noch! Habe ich denn auch diese Schande noch erleben müssen und einen Journalistenlumpen zur Welt bringen? Mein leiblicher Sohn ein Zuchthäusler von Lepoglava! So schlecht steht es wieder nicht! So schön, so begeistert hat die Kroatische Fahne von ihm geschrieben!

Ein Patriot ist er, Ihr Rudo! Das war eine patriotische Tat, eine Tat für sein Volk! Für die nationalen Belange! Und die nationalen Belange gehen uns alle an!

Das wär ja noch schöner! Was ist das schon für ein Brot, unsere dreckige Politik? Ist das eine Beschäftigung für einen, anständigen Menschen? Wenn er wenigstens so viel erreicht hätte im Leben wie ich! Ein anständiger Mensch bin ich! Aber mein Sohn ist von Stufe zu Stufe tiefer gesunken!

Statt hoch über mich hinauszuwachsen, ist er ein Strolch aus Lepoglava geworden! Was kann denn überhaupt noch aus diesem Burschen werden?

Dieser sein Sohn hatte in ihm wie ein Schatten aufzutauchen begonnen, und die Injektionen aus Rudolfs zahllosen Worten während der Zeit ihrer nicht enden wollenden nächtlichen Dialoge waren unter die dicke Haut des Alten gegangen, brannten immter stärker, und wie sehr auch der alte Kraintschetz versuchte, diesen brennenden Schmerz mit Schnaps zu löschen, er vermochte es nicht!

Je mehr du zu löschen versuchst, um so heftiger brennt und loht es, um so of fensichtlicher wird es! Spät in der Nacht, wenn es auf Mitternacht geht und keine Menschenseele mehr im Wirtshaus ist, sitzt nur der alte Kraintschetz bei einem Glas Wein: Jawohl, da ist er nun, sein leiblicher Sohn! Als solch ein Phänomen an Härte erscheint dem alten Kraintschetz der Sohn.

Und inzwischen nagelt ihn noch immer der Sohn mit seinem Blick fest und sieht ihn an wie ein Untersuchungsrichter, streng, unerbittlich, grausam, und seine Lippen sind so dünn wie Zigarettenpapier und so fürchterlich böse, und er blickt ihn unentwegt an, als wollte er ihn hypnotisieren.

Was will er denn von mir? Warum starrt er mich so an? Sei doch kein feiger Hund! Nicht einmal in die Polizeizentrale hat man dich aufgenommen! Ins Zivilleben will man dich nicht gehen lassen!

Heiligenschändung ist das und Hochverrat — aber wie wahr scheint es andererseits zu sein, was er da sagt, wie richtig alles, was dieser Schlingel zusammenredet, den er da vor sich sieht.

Nichts hatte man ihm gegeben! Nicht ich habe den Banus erschossen! Der kleine Junge, der es versuchte, war ein Feigling — seine Hand zitterte. Mit wem sollte ich mich denn unterhalten?

Es ist doch keiner da! Nur ein Schatten war es, der Schatten des Lampenschirms an der Wand! Geben Sie mir lieber noch drei Zenti, bitte schön! Wie gut wäre es doch, die Hiebe zurückzugeben! Und — was bisher noch nie geschehen war — ein Gefühl der Bitterkeit breitete sich in ihm aus: Viel dachte er über diesen Kampf nach, nur konnte er sich nicht erinnern, wie sein Sohn diesen Kampf auf englisch genannt hatte. Nach solch kühnem Aufbegehren im Wirtshaus bei einem Glas Wein fühlte sich der Alte am nächsten Morgen zerknirscht und sündig, und beim Rapport wagte er es nicht, dem Kommandanten der Polizeiwache in die Augen zu sehen.

Eines Tages begab er sich in die Kirche, kniete im Beichtstuhl nieder und beichtete durch das schwarze Gitter hindurch all das Schwere, Dunkle und Trübe, das ihm schon lange auf der Seele lag. Beten, lieber Bruder in Christo! Nur das Gebet kann dich erlösen! So wanderte also der alte Kraintschetz von Morgenandacht zu Abendandacht hin und her, und eines Tages ging er dann nach sehr langer Zeit wieder einmal hinaus zum Grabe seiner seligen Frau Jula und zündete zwei Kerzen an für ihren ewigen Frieden.

Der alte Kraintschetz schien von einem Tag auf den anderen sichtlich zu verfallen, alles im Leben war ihm unaussprechlich gleichgültig geworden. Nicht einmal an seiner königlichen Uniform — bisher der Stolz seines Lebens — lag ihm noch etwas.

Ihr bellt nicht mehr lange! Mir ist das alles so egal! Wozu soll ich mich rasieren, wo ich doch so müd bin! Marschieren vom Begräbnis heim und freuen sich! Der eine stirbt, der andere jubiliert! So ist das eben! Dabei liefen ihm die Tränen über das Gesicht wie einem alten Weib. So hockt er dann da im Wirtshaus, mutterseelenallein wie ein abgeschnittener Ast, und klagt sein Leid irgendwelchen Trunkenbolden und Strolchen — einem Gesindel, das er früher nicht einmal angespuckt hätte.

Fürchterlich verabscheue ich alles, alles widert mich an! Alles hat sie mir weggefressen, meine Herren, diese dreckige, nebelige Stadt! Auch meinen einzigen Sohn, auch ihn hat sie mir genommen! Wie schön hätte doch alles sein können! Weinen könnte man, wie das alles zusammengerumpelt ist! Hat sich einen Rausch angetrunken, der Alte, und spinnt jetzt. Am liebsten würden sie ihn auslachen, aber sie wagen es denn doch nicht! Man kann nie wissen! Der Teufel schläft nicht!

Der Herr Polizeiwachtmeister, das Zuchthaus von Lepoglava! Sie sind ja auch schon in Lepoglava gewesen!

Ist ja nicht halb so schlimm! Überall in der Welt ist im Grunde das Leben gleich! Das liebten unsere Massen über alles: Nieder mit den Magyaren, Abzug! Nieder mit der ungarischen Bande!

Polizeiwachtmeister Kraintschetz steht am rechten Flügel des Kordons und blickt auf die Menge. Was heulen sie wie tolle Hunde? Nicht einmal am Sonntagnachmittag lassen sie einen verschnaufen!

Verdammt sollen sie sein! Was haben sie denn nur immer mit diesem ihrem Kroatien? Haben sie es noch immer nicht satt bekommen? Richten ja nur sich zugrunde und ihre Kinder! Wieder werden sich die Gefängnisse füllen! Im Namen des Gesetzes, zurück! Nieder mit der Banus-Sau! Ja, das sind sie, diese Sakramentsgauner, die über unschuldige Kinder hinwegtreten und sie vernichten!

Gebt mir meinen Sohn zurück! Meinen Sohn habt ihr mir geraubt, ehrlose Diebe! Fensterscheiben klirren, und in dem Gedränge schlägt ein Polizist einem kleinen Mädchen ungeschickterweise höchstwahrscheinlich über den Kopf. Nieder mit den Tyrannen! Meinen Sohn gebt mir wieder! Und in ihm erwachte der Urinstinkt des alten Kriegers. Alles ging im Getöse und Geschrei unter, und Polizei wachtmeister Kraintschetz fühlte jetzt, wie ein scharfkantiger Gegenstand seinen Kopf traf und ihm ein warmer Blutstrahl über das Gesicht spritzte, einen brennenden Schmerz unter dem Auge verursachend.

Jawohl, das waren sie, diese Mörder und Verbrecher! Wenn sie nicht wären, gab es dies alles gar nicht! Die Stadt hätte Ruhe, und alle wären glücklich! Polizeiwachtmeister Kraintschetz spürte nur das eine: Jemand hatte ihm aus einem Fenster einen Ziegelstein auf den Kopf geworfen!

Das Ganze sah ziemlich erbärmlich aus: Alles war mit einemmal öde und leer, nur von irgendwoher ertönte die alte sonntagnachmittägige Tonleiter auf dem Klavier: Ce, de, e, ef, ge, a, ha, ce! Ce, ha, a, g, ef, e, de, ce. Alles war schmierig von der mit Lehm vermischten Braunkohle, und überall stank es bitter nach Schwefel und warmen Mineralquellen. Tag und Nacht gruben die Menschen in den fettig verwitterten Schichten der Erde.

Auf der nordseitigen Veranda der ersten Etage dieser kleinen Provinzstation lag der alte Walter, ihr Chef und Kommandant, bereits seit zwei Monaten im Sterben. Der junge Doktor setzte sich neben seinen sterbenden Vater und starrte stumm auf die Feld blumenkörbe und auf die gemalte Phantasielandschaft an der Wand. Den ganzen Vormittag wartete er so auf den Tod seines Vaters. Als die Familie Walter hierhergekommen war, fand sie das Wandbild bereits vor, und seither waren etliche Jahre vergangen.

Auf der Veranda war es still. Pausenlos gackernd wühlten die Hühner im Mist, schlugen ab und zu wie in panischer Angst mit den Flügeln, ganze Wolken von Staub hoch wirbelnd.

Jetzt war das ganze Gelände verödet, nackt, staubig und drekkig. Fische hatten hier mit ihren Flossen das Wasser zu Schaum gepeitscht, Aale gezappelt, Riesenschlangen und Delphine geplätschert, und vielleicht hatte sich gerade an der Stelle, wo jetzt die Veranda stand, ein gigantisches fettes Nashorn gesuhlt.

Und jetzt schleppen halbverhungerte Frauen Kohle, und ihre Kinder sind bleichsüchtig, rheumatisch, skrofulös. Nashörner, Ichthyosaurier, Bergarbeiterfrauen und alte Männer mit goldenen Flügelrädern auf dem Kragen — sterbende Stationschefs auf der Veranda eines Provinzhauses.

Doch ist dieser Kreis einmal weg, dann gibt es gar nichts mehr. Ist denn das noch menschlich? Wo steckt denn in mir der Mensch? Der Doktor hatte die ganze vergangene Nacht viel um seinen Vater gelitten. Voller Abscheu vor sich selbst schrak er vor dem Gedanken an die goldene Uhr mit den drei Deckeln zurück und nahm sich fest vor, nicht mehr daran zu denken. Leise Gebete murmelnd, blätterte er mit seinen fettgepolsterten Fingern im Brevier. Walter hatte sich nie viel Gedanken über die Kirche oder kirchliche Dinge gemacht.

Sooft er eine Kirche betrat, schien sie ihm ein ungeheurer leerer Raum zu sein, der schon seit Jahrhunderten in Schweigen verharrte. Doch die Kirche steht da — steinern und stumm. Ja, auch dieser dikke Mönch dort drüben, neunundneunzig Kilo schwer zumindest, der mit feisten Fingern in dem Brevier blättert, ist reinen Gewissens.

Er hat keine verbrecherischen Gedanken im Sinne, wie er seinen toten Vater abstieren wird. Das Leben wirft ihn nicht von einem Zweifel in den anderen, aus einem Extrem ins andere — und völlig ergebnislos. An die Erbschaft, an das Gold, das er erben wird! Ich verstehe Sie nicht! Was ich tun würde? Wen sollte ich richten? Zum zweiten aber — versteh ich Sie nicht! Das vierte Gebot sagt es klipp und klar! Das kann doch vorkommen! Dieses Gebot ist ebensogut meines wir Ihres!

Übrigens, wenn Sie die Ab sicht haben, mich zu beleidigen, mein Herr, dann sind Sie gewaltig im Irrtum! Alle Ihre gottlosen Greuel werden auf Sie selbst zurückfallen, ihr alle, die ihr nicht an Gott glaubt, verzehrt euch selber wie Skorpione! Ich wollte Sie keineswegs beleidigen! Nur sich selbst haben Sie beleidigt. Gott ist unser Herr, und wir alle sind seine Knechte, ob wir nun wollen oder nicht.

Wer ein guter und gehorsamer Knecht ist, dem wird auch der Herrgott ein guter Herr sein. Und wer es nicht ist, dem gereicht es zu seinem eigenen Schaden! So ist es und nicht anders! Dies alles war dem Doktor längst so vertraut wie eine alte, langweilig gewordene Truhe voll zerbrochener Spielsachen. Und jetzt stand er hier, schlapp, ein zerfetzter willenloser Lappen, und nichts war getan, kein Problem gelöst.

Seine Studien hatte er beendet, verbrachte sein Leben in Krankenhäusern und verzehrte sich selber in einem höllischen Chaos gleich einem Skorpion, wie es ihm eben erst jener schwarze Mönch so gut ins Gesicht gesagt hatte, zu keinem gütig, am wenigsten zu sich selbst. Dieser Fleischsack von einem Pater lebt friedlich und seelenruhig in einem inneren Gleichgewicht.

Er hat seine Gebote, seine Dogmen, denen er sich unterordnet, nach denen er lebt, seine Pole und Oasen, um die er kreist wie das Zahnrädchen einer Maschine — das einfachste Ding der Welt und bis ins letzte geordnet.

Er aber, Doktor Wal ter, hat kein Dogma, an das er sich halten könnte, keinen festen Pol, und das war die fundamentale Schwäche seines Lebens! Doch das Leben kann nicht so gelebt werden: In diesem Augenblick empfand er die ganze Schwere dieses massiven lastenden Ungetüms, das sein Leben war, und die eigene Unzulänglichkeit, diesem schweren und primitiven Ungetüm die Stirn zu bieten.

Der sterbende Vater kam ihm in den Sinn, und es wurde ihm schwer ums Herz. Fliegen summten im sommerlichen, vom gelben Kerzenlicht erhellten Halbdunkel, und das Bahnhofspersonal begann zu dem Toten zu pilgern: Sie bekreuzigten sich, knieten nieder; dann hörte man die schweren müden Schritte ihrer Nagelschuhe dumpf auf der hölzernen Treppe widerhallen.

Der Doktor hatte Kopfschmerzen von der durchwachten vergangenen Nacht, und er setzte sich auf die Veranda und starrte müde auf die graue Landschaft und die Kronen der Maulbeerbäume. In den Oktobertagen des achtzehner Jahres hatte der Warteraum einiges abgekriegt. Das Ganze stank nach Feuchtigkeit, Kalktünche und Moder. Die Bergleute zwängten sich in den Abendzug und fuhren ab; die Dämmerung senkte sich auf die Station; in der Ferne grollte Donner.

Und dann wird auch er sich eines Tages hinlegen im Schein gelber Talgkerzen, die Hände falten und unter dem linken Augenlid durchschielen; und Menschen werden auch weiter auf Hochzeiten tanzen und Harmonika spielen.

Donnern und blitzen wird es, regnen auch, Lokomotiven werden heulen, und alles wird bleiben wie es war. In der Ferne wetterleuchtete es lautlos über dem Gebirge. Der Duft der Erde wurde spürbar, und die aus dem Bauch der Lokalbahn herausgeschaufelten Kohlenstücke knisterten und zischten, vom Regen vollgesogen. Um einen Augenblick lang aufzuatmen nach dem Dunst des Sterbezimmers und den bedrückenden Ereignissen des Nachmittags, trat Doktor Walter, vorbei an dem Semaphor und dem gläsernen Wächterhäuschen der Weichensteller, auf die Strecke hinaus.

Jahrelang hatte er hier neben der Bahnstrecke unter den Maulbeerbäumen mit Marjan, dem Sohn des Fleischers, bis aufs Blut gekämpft und gestritten: Hart ist das Leben! Wahrlich, hart ist das Leben! Doch dann schämte er sich dessen und kehrte schweren Schrittes zum Stationsgebäude zurück. Dieses Stationsgebäude war sein Elternhaus.

In wenigen Tagen würde er abreisen und nie mehr auf diesen Fleck Erde zurückkehren. Und doch lagen auf dieser Provinzstation nicht allein die Särge mit den Gebeinen seiner Eltern in der Erde, sondern auch — dort in den Lagerhäusern und Veranden — ganze zwei Drittel seines eigenen Lebens. Seines Lebens, das noch nicht recht gegrünt und sich entfaltet hatte und schon in kränklich dahinsiechender Resignation ohne Nahrung und ohne Flamme verglimmt.

Dieses verzweifelte Suchen nach einem Weg hinaus, das Klettern über die Schienen, das Fallen und vergebliche Suchen wiederholte sich lange und hartnäckig immer wieder, während der Doktor dastand und stumpf diesen Vorgang betrachtete.

Die Kröte war spurlos verschwunden. Die gleiche Uhr, die in der vergangenen Nacht den Doktor im Eisenbahnwaggon mit einem ganzen Komplex krankhafter Vorstellungen von Diebstahl und Verbrechen gequält hatte.

Dort sank er zusammen und dachte lange darüber nach, ob das alles irgendeinen Sinn hatte oder nur eine bizarre Lächerlichkeit, eine übertriebene neurasthenische Dummheit war? Denn eines ist sicher, diese Uhr wird nicht in der Tasche des Toten bleiben. Die Träger werden sie klauen, oder die Frau des Amtsdieners, oder die Tischler, wenn sie den Sarg bringen, und es wäre viel gescheiter, sie an sich zu nehmen, sich zu sammeln, einige Dinge zu erledigen, die Verwandtschaft zu verständigen, dem Chef um Urlaubsverlängerung zu telegraphieren, einige dringende Briefe zu schreiben, etwas tun, sich rühren, nicht hier verwesen, lebendigen Leibes verfaulen wie ein Todkranker.

Er wandte sich um und wollte zum Schrank gehen, um das Bettzeug herauszunehmen, als jemand kurz und energisch an die Türe klopfte. Später begegneten sie einander nicht mehr, hörten nur hie und da einer vom anderen. Angeblich hätte er sich diesen Generälen gegenüber am grünen Tisch herausfordernd benommen, sie wie Ordonnanzen behandelt und wie letzte Ignoranten und ganz ordinäre Analphabeten mit seiner Dialektik geschlagen.

Und jetzt klopfte dieser Kunej an seine Tür und trat ins Zimmer! Seine kräftige Stirne war nicht übertrieben hoch, doch hart und in Rillen vorgewölbt, was starke Willenskraft und einen festen Charakter verriet.

Zwei Jahre jünger als Doktor Walter, verprügelte er ihn trotzdem damals mörderisch, egal, ob es nun um das Flobertgewehr und Pistolen ging oder später um die ersten Liebeswirren oder Kämpfe in der Schule mit Klassenkameraden oder um Schulden. Kunej war immer der Anreger und Initiator aller ihrer Unternehmungen gewesen. Sie schüttelten sich die Hände und umarmten einander. Dann kehrte er an den Tisch zurück, setzte sich und fragte Doktor Walter, ob er etwas zu trinken habe?

Ja, Vielleicht und auch Nein! Trotzdem lag irgendwo tief drinnen in der Persönlichkeit des Doktor Walter ein Wissen um die Wahrheit vergraben, aber er war niemals imstande, dieses innere Erkennen der Wahrheit in Worte zu fassen, weder für sich selber noch für andere.

Auch an jenem Abend redete er zu Kunej von seinen tiefen Krisen: Kunej waren schon von früheren Zeiten diese Absonderlichkeiten seines Freundes bekannt, und immer schon war ihm diese exzentrische Erlebnisweise leicht krankhaft und literarisch-dekadent erschienen, also als etwas Fernes und Fremdes.

Alles beruht auf der ökonomischen Grundlage, das ist doch einleuchtend. Die ökonomische Grundlage bedeutet Erzeugung und Austausch von Waren. Zunächst wurde Ware gegen Ware getauscht. Dies war der primitivste Zustand der Zivilisation. X Ware — Ypsilon Ware. So entsteht das Geld - die Monete, und alle auf dem monetären System aufgebauten Zivilisationen der Geschichte, seit zehntausend Jahren bis auf den heutigen Tag, sind unvereinbar mit der Menschenwürde. In seinem Inneren kannte Kunej keinen Zweifel.

Tag und Nacht wird auf pannonische Art gefährlich gefressen: Was ist das schon für eine Intelligenz? Bei uns gibt es gar keine!

Es hat auch niemals eine gegeben. Was ist das schon für eine Intellektuellenschicht, der Teufel hol sie, je früher desto besser! Dann irgendwelche Dummköpfe, Schreiberlinge und Speichellecker — abscheuliche Streber und Beamtenseelen, aber keine Schriftsteller!

Oder magyarenfreundliche Politikanten, die früher einmal das Volk an die Budapester Magnaten und Bankiers verkauften, ganz so, wie sie es heute an die jetzigen politischen Machthaber verkaufen, die sie ihrerseits morgen wieder an eine neue Konjunktur verschachern werden, ja, an den Leibhaftigen selbst, wenn es dafür nur klingende Dukaten und Orden gibt! Leute, die aus einer überfahrenen Kröte ein Problem machen! Sentimentale Ärzte, die nicht wissen, was sie eigentlich wollen!

Das alles gehört auf den Kehrichthaufen wie altes Gerümpel! Kann das Leben geändert werden, kann es sich in etwas anderes verwandeln, etwas Höheres, Intensiveres, als es heute ist? Alles, was er tun kann, ist, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen und zu verspielen. Was ihn persönlich anginge, hätte er die Nase voll und sei entschlossen, auszuwandern. Er stehe im Briefwechsel mit einer kroatischen Kolonie in Kalifornien und wolle schon in diesem Herbst emigrieren, um dort drüben an der Küste des Ozeans ein neues Leben zu beginnen, ein Leben ganz auf sich gestellt, völlig abgeschnitten von der Welt und von diesem Chaos, aufzuatmen wie ein Wiedergeborener und ganz von vorn zu beginnen.

Was hätte er auch hier zu suchen, zwischen diesen betrügerischen Geschäftemachern und politischen Konjunkturrittern, nachdem er weder ein Betrüger noch ein Geschäftsmann sei? Das Ergebnis — wer kann es heute voraussagen?

Ihm aber, als Subjekt genommen, liegt nichts, aber schon gar nichts an dieser Art von Leben, das erst nach sieben oder siebzig Jahrzehnten ordentlich organisiert sein wird — und selbst das ist noch fraglich. Das Meer braucht er, Tannenwald, tiefe Schatten von Nadelbäumen. Börse, Parlament und Presse hat er satt — bis daher —, das alles ist für ihn wesenlos geworden, widerlich, kotzt ihn unaussprechlich an.

Deshalb will er auswandern und alles zum Teufel schicken! Kunej fand diese Ansichten kleinbürgerlich, sentimental, weibisch und eines Mannes unwürdig.

Eine konjunkturelle Prosperität, das kann man nicht leugnen. Wir haben also jetzt diese Konjunktur einer scheinbaren Prosperität. Doch nach dem gleichen Prinzip, nach welchem ein in die Höhe geworfener Stein der Wirkung der Schwerkraft unterliegt, wirkt auch auf die Konjunktur einer scheinbaren Prosperität die Schwerkraft der Krise ein.

In dem gleichen Augen blick, da die Grundlage, auf der die Konjunktur beruht, wegfällt, beginnt ihr Fall, der wie es aus den irdischen Gesetzen bekannt ist einer neunkommaachtfach wachsenden Beschleunigung unterworfen ist. Die Dinge bewegen sich also von der Prosperität zur Katastrophe hin, und dieser Zusammenbruch ist um das Neunkommaachtfache beschleunigt: Und zwar mit mathematischer Sicherheit.

Das ist doch sonnenklar. Und da noch lyrischen Stimmungen nachzuhängen und sich nach stillen Meeresgestaden zu sehnen, ist nicht männlich. Und wieder in russische Lazarette, in sibirische Gefangenenlager, wieder nach Odessa, an die Front. Mit einer revolutionären Batterie nochmals nach Sibirien. Dann die Revolution in Europa, zurück hierher in die Gefängnisse. Was ist das doch für ein furchtbarer Teufelskreis! Wenn er so zurückblickte auf diese schweren sieben Jahre, denkt auch er manchmal, es wäre an der Zeit, sich irgendwo zur Ruhe zu setzen, zu rasten, für eine Weile aufzuatmen.

Aber wo Halt machen? Da — auch jetzt sind sie ihm auf den Fersen! Und nachher wieder weiter, wie Ahasver! Ja, so ist es eben! Da gibt es kein Überlegen!

Und das ist nicht leicht. Es wäre eine Lüge, wenn einer behauptete, es wäre leicht. Eine seiner schwersten persönlichen Krisen habe er vor einigen Nächten durchgemacht, am Meeresstrand. Es war in einem Olivenhain. Der Himmel war dunkel, die ersten Grillen meldeten sich, die ersten Kirschbäume blühten. Er kehrte also nicht ins Hotel zurück, sondern ging ins Dunkel hinaus, dem Meer zu, Setzte sich in einem Olivenhain auf einen Felsbrocken und horchte auf das dumpfe und tiefe Donnern des Schirokkosturmes.

Doch diesmal waren weder Meer noch Sterne zu sehen, alles war bleischwer und schwarz. Alles in ihm war in Aufruhr. Er wollte aufstehen, die Arme heben und in den Sturm schreien, um das Gebrause zu übertönen, aber nur bittere Galle stieg in seinen Mund, und er schluckte daran und rang so mit sich bis nach Mitternacht. Das letzte Mal, als er hier am Kvarner gewesen war, hatten die Kanonen gedonnert, er aber hatte im Spitalshemd des gemeinen Soldaten der Militärmusik gelauscht, die von der mit Lampions und bunten Lampen erhellten Terrasse des Lazaretts herübertönte.

Wie widersinnig das alles doch war! Was doch das Leben für exzentrische Tollheiten mit sich brachte! Sie waren noch bartlose Buben in den unteren Gymnasialklassen gewesen, als sie, begeistert von Supilos Romantik, die Fenster der Magyarentümler einschlugen und bei patriotischen Umzügen Fackeln trugen.

Die Schnurrbarthaare dieser blutrünstigen Bestie, dieses internationalen Herrn und Diplomaten sind grau wie Borsten einer abgenützten Zahnbürste. Und auch für ihn bittet er, für Kunej, den Infanteristen ohne Rang, der jetzt als österreichischer Soldat nach Galizien fährt, um-gegen die Kosakendivisionen des Generals Brussilow eingesetzt zu werden.

Nun, und was ergab sich dann? Alles Schwarz in Schwarz! Ein anderer junger Bursche taucht auf, kritzelt in den Spalten der Provinzzekungen herum, segnet das Zeitliche, stirbt!! Doch sie werden in Eisen geschlossen und eingesperrt. Hundert Jahre lang rasseln die besten, die einzigen wahren Männer unseres Volkes mit ihren Ketten! Dies konnte keine Lösung sein!

Alles blieb auch weiter, wie es war. Die Hausdurchsuchungen, die Polizei, die Detektive, die Verfolgungen und die Protokolle — alles bis aufs Haar gleich wie früher. Er war gestern ebensowenig Baron gewesen, wie er etwa heute ein Lebzelter ist und einen Handel mit Talgkerzen, Gewürznelken oder mit Politik treibt.

Nicht enden wollende Untersuchungen darüber, was er denkt und wo er sich bewegt! Ständig von Detektiven beschattet! Was die wohl nur für Unsummen ausgeben mochten? Wenn sie das viele Geld lieber für Unterstützungen kranker Studenten verwenden wollten! Schon wieder waren sie hier.

Alle Bücher hat man Ihnen wieder weggetragen. Hat er ihnen nicht so oft schon geschrieben und auch ins Gesicht gesagt, was er von ihnen hält? Alles geschändet haben, was in diesem Land heilig, licht und beschwingt schien! Was wollten sie denn jetzt noch von ihm? Sollte er etwa in ihre Reihen treten, sich einen hohen Orden um den Hals hängen und in der zweiundzwanzigsten Paradekutsche des spanisch-zeremoniellen Paradezugs mitfahren?

Artikel schreiben darüber, wie alles, was sie taten, staatserhaltend und weise sei? Und nicht nur ihm allein erging es so, sondern allen seinen Freunden und Bekannten. Der eine hatte ihm durch einen Boten Nachricht aus einem elenden Gebirgsdorf geschickt, wo man die Bären brummen hört, siebzig Kilometer von dem nächsten Postamt entfernt.

Keine Briefe dürfe er schreiben, keine Spaziergänge machen, fünfmal täglich habe er sich beim Gendarmerieposten zu melden!

Noch ein anderer von Kunejs intimen Genossen sitzt niedergeknüppelt und wundgeschlagen in den Kasematten; seine Schwindsucht hat er noch in den Kasematten Österreich-Ungarns bekommen! Und viele andere noch, eine namenlose, eine nicht enden wollende Menge! Kerker, immer und ewig! Von frühester Jugend an bis auf den heutigen Tag Gefängnisse und nichts als Gefängnisse! Und was das merkwürdigste an dieser Geschichte ist: Im Grunde war es gar nicht so merkwürdig — nur natürlich!

Die gewaltigen Steintrümmer des nackten Karstes ragten in kräftig gezackten Konturen ins Dunkel wie die mächtigen Zinnen einer titanischen Burg. Alles schien sich in jener Nacht in einem heimlichen verbrecherischen Einvernehmen zu ducken und den Atem anzuhalten: Eine wahre Teufelsmühle, dieses Hotel: Langgedehnt juchzen auf ihrem Weg nach Süden die Fuhrleute vom Kastell in der nördlichen Provinz, das auf sechshundert Türkenschädeln dereinst errichtet wurde; die Ware rollt auf kreischenden Radnaben der Fuhrwerke, durch Wälder, darin noch Wölfe hausen, und alles ist verpestet — das ganze Land — mit Schlamm und Kot und Gendarmeriestreifen; aus jedem Busch blitzt ein blankes Messer… Und das dunkle Meer, die drohenden Hiebe — nur hinaus von hier, fort!

Doch wie — und wohin aus dieser Mausefalle? Eine einzige grundlegende Lösung gibt es allein für alle verwickelten und alle chaotischen Zustände, das ist die Formel: Und wo ist heute Aristoteles geblieben, zum Teufel noch einmal! Wie aber diese Formel auf seine bestimmte Situation hier im Olivenhain anwenden? Für vergossene Tränen gibt es kein Heilmittel. Die Arbeiter wollen jetzt auch pro Kubikmeter entlohnt werden.

Wenn ihm nach Raummeter, dann auch ihnen nach Raummeter! Da bleibt ihm immer noch ein Reingewinn von dreihundertsechzigtausend! Wie sollte er sich auch mit dreimalhunderttausend begnügen? Um ganze vierhunderttausend weniger! Dort hätte an der Wand seiner Kaserne eine Inschrift gehangen, auf der stand: Viel lieber würde er dorthin zurückkehren als hier krepieren! Und alle stehen da wie verprügelte Hunde und erwarten Hilfe von Kunej! Doch er, Kunej, ist ja ein ebenso armer Hund wie sie, nur noch siebenmal öfter verprügelt!

Wie sollte er ihnen helfen können? Wie liebt er sie doch, diese schwarzen, analphabetischen, armen Menschen! Er war zusammen mit einem amerikanischen Heimkehrer und dessen Familie hierhergereist. Ihre Münder waren mit klebrigem Keksbrei verschmiert. Nachdem der Dollar jedoch wie verrückt in die Höhe kletterte, hatte er seine siebzehn verrackerten Jahre mit einem Schlag verspielt, so gründlich, als hätte er sie zum Fenster hinausgeworfen.

Wie arm sie waren, diese Lohnsklaven unserer Heimat, die auf den Börsen der Welt in einer einzigen Minute siebzehn Jahre ihres Lebens verloren! Wie schwer dies alles war, wie mühsam das Reisen in verlotterten Waggons, krank, betrogen, gekreuzigt!

Wie arm die hinkenden Frauen in ihren Barchentblusen! Diese armen, armen Menschen! So ist das gewesen! Was sie interessiert, ist die Lohnerhöhung von zweiundzwanzig Kreuzer zusätzlicher Stundenlohn, und nichts weiter, kein Haar!

So etwas ist einfach komisch! Wo die Legionen mit den harten Händen und geballten Fäusten? Wo sind meine Kampftruppen? Sie schnarchen unter den Federbetten! Diese ironische Betrachtungsweise erschien mir damals auf meinem Ölberg als einzig ehrlich und zulässig.

Wie die Arzneien in meiner Kindheit! Fels, Donnerschlag, nackter Stein! Nur das Meer rauscht dazu, der Wind heult, und das schwarze Gestein ragt schweigend in den Himmel und sieht zu.

Und ebenso lächerlich ist es auch heute. Dies alles war albern und lächerlich, und in meinem Fieberwahn denn die ganze Zeit über vermeinte ich, fast hysterisch, die blutrünstigen Finger der Soldaten auf meinem nackten Fleisch zu spüren, die Prügelmale und die Striemen und obwohl es ohnehin unmöglich gewesen wäre, bei so einer See auszufahren, erhob ich mich, um zu gehen.

Da fühlte ich neben mir einen Menschen. Mein erster Gedanke war: Noch heute schäme ich mich dieses Gedankens. Es war nur die Küstenwache.

Noch heute habe ich diesen Mollklang im Ohr. Er stamme aus Mazedonien und wäre bereits seit zwei Monaten hier. Ich tu dir ja nichts! Mir ist es vollkommen egal, was du bist! Ich will nichts als heimkehren! Sieben Jahre diene ich schon! Und so dienen wir alle! Mein ältester Bruder diente unter der türkischen Fahne, da kamen die Serben und raubten uns hundertsieben Schafe. Das war noch im ersten Krieg. Und ich hab unter dem serbischen König gedient, dreimal, und habe den Rückzug nach Albanien mitgemacht.

Da kamen die Bulgaren und schleppten mir die Mutter weg. Den Vater hatten mir die Komitadschi schon früher umgebracht. Alles haben sie uns genommen. Von der Mutter hätte er gehört, sie wäre irgendwo in Kleinasien an Typhus gestorben. Den Vater hatten sie ihm umgelegt. Auch die Schwester haben sie ermordet.

Das Vieh geraubt, das Haus in Brand gesteckt. Der Boden aber liegt brach! Merkwürdig war das damals im Olivenhain mit mir und diesem Wachtposten. Wenn es blitzte, erblickte ich sekundenlang dieses graue, wie von Magnesiumlicht beleuchtete Soldatengesicht. An die Züge kann ich mich nicht mehr erinnern. Eine dunkle und harte Erscheinung, der Mann roch nach Knoblauch. Übrigens nahm die ganze Szene ein idiotisches Ende.

Dann ging er mit militärischer Strenge und Härte gegen mich vor: Ich kehrte ins Hotel zurück. Dort wurde ich bereits erwartet, festgenommen, in den mittelalterlichen Festungsturm überführt und gleich auf die Bretter gelegt. Nichts habe ich bereut, auf mein Wort!

Diese Ehe entwickelte sich später zu einem schwerbelasteten, lügenreichen Dahinsiechen, wie es eben die Existenz unserer hochbeamteten Herren im Oberst- oder Generalsrang ist, die auf persischen Teppichen zwischen falschen Biedermeiermöbeln, mit japanischen Vasen, Schulden und Wechseln leben, umgeben von einer klebrigen Melasse, die wie dickes Gummiarabikum an allen unseren kleinbürgerlichen Gesellschaftsformen und Erlebnissen haftet.

Er diente zwar in derselben Brigade, in der der Herzog von Parma, Seine Hoheit Alphons Amadeus Maria Immaculata Hermenegildo Frederick champagnisierte, aber trotzdem ging Österreich zugrunde, und Koloman Edler von Balotschanski wurde kein österreichischer Diplomat, sondern promovierte zum Doktor der Rechte und leistete als königlicher Adjunkt dem neuen Balkanstaat, des sen Dreibuchstaben-Name an Operettenmonarchien erinnerte, den Treueeid.

Der glückliche Verlobte des Fräulein Lydia trank in dieser Nacht relativ viel, kam erst gegen Morgengrauen nach Hause und konnte nicht einschlafen.

Schon meldeten sich die ersten Vögel und die Morgenglocken, doch Herr Doktor Koloman fand keinen Schlaf; nervös wälzte er sich von einer Seite auf die andere, durchtränkt von zu starken Eindrücken und vom Alkohol.

Dieser Thomas Bakran, ein Tagdieb und linksradikaler Agitator, schlich sich, gerade inmitten des Untersuchungsverfahrens mit Hilfe gewisser unbekannter unterirdischer Verbindungen , in ein Krankenhaus ein, zog dann alle seine Aussagen vor den Untersuchungsbehörden zurück und rief in der gesamten Konstruktion eines von der Staatsanwaltschaft vorbereiteten Monsterprozesses unvorstellbares Durcheinander, Unordnung und Konfusion hervor.

Der Morgen war sonnig und klar, ein richtiger Maienmorgen. Prozessionen schwerfälliger, gutgenährter, satter Steirerpferde zogen mit Stahlbändern massiv gefesselte schwere Wagenlasten. Für einen Augenblick fühlte Koloman Balotschanski die lapidare Kraft des menschlichen Muskelgewebes und die Zuverlässigkeit unseres anatomischen Baues, er empfand deutlich die Dichte unseres Skeletts, das ist kein Nebel, das sind feste Knochen, die Jahrhunderten Widerstand leisteten, dieser menschliche, von Muskeln und Nerven umspannte anatomische Apparat kann alles zermalmen.

Auch die krüppelhaften Asphaltarbeiter, die auf fetzenumwickelten Knien wie verstümmelte Heuschrekken über rauchenden und stinkenden Teer krochen, erschienen ihm in dieser Stimmung als höchst wichtige Geschöpfe und ihre Verrichtungen als ernst und heilig. Auf einen monumentalen Steinbau, der mit Gerüsten und Pfosten gespickt war, hoben Arbeiter ein riesiges Bronzedenkmal, und das Knirschen der Flaschenzüge und der Hebel, das rhythmische, archaisch eintönige Rufen der Männer, deren Halsadern daumendick aufgeschwollen waren, wirkte archimedisch einfach.

Solche Leute sollte man wie Ungeziefer zerquetschen! Sie wollen den Fortschritt vernichten, gerade da, den Fortschritt dieses sonnigen Morgens! Diese Paläste, diese Automobile, diese Geschäftsläden, diese zivilisierte Lebensart! Wenn sie könnten, würden sie alles niederbrennen und zerstören, dieser Auswurf, dieses widerliche Gesindel! Vor vielen Jahren hatte er in diesem grauen, von Reben umrankten Parterrehaus einen warmen Kürbisstrudel gegessen, es war an einem seiner.

Die Leinenvorhänge waren her untergelassen, und ein lichter Schein des satten Grüns in den Kronen der Kastanienbäume zitterte über die Zimmerdecke. Der russische Rubel rollt! Neueste Wendung im kommunistischen Skandal! Sein Tod war bedrückend und roch nach Verwesung und ausgekochtem Fleisch, das im hohen Fieber und stummen Leid verfault.

Bakran beobachtet den sich auf seinen Karabiner stützenden Wachmann, wie er im Dämmerzustand des Schlafs gleich einem leeren Sack in sich selbst versinkt. Fiakerpferde stehen im Licht gelber Laternen, und im Spiegel des Fensters betrachtet Bakran die ganze lange Nacht, wie ihre schwarzen melancholischen Pferdeköpfe friedlich schweigen. Taubstumm ist die Stille. Ab und zu schnaubt eines der Pferde. Das Fiakerpferd im Licht der gelben Laterne spürt und bedauert seinen Tod! Lange starrte sie die Reihen der Krankenbetten an und brach dann in lautes Weinen aus.

Ein ganz gewöhnliches Dienstmädchen! Er fühlte, wie er diese Menschen bis zum letzten Atemzug, bis ins Gehirnmark, leidenschaftlich liebt, und seine Luftröhre zog sich zusammen, und er begann durch den Nasenschleim Tränen zu rotzen. Dann aber stieg ein schleichender Gedanke in ihm hoch und überschattete alles.

Tatsächlich aber bedauern sie ihn ganz und gar nicht! Weshalb sollten sie sich auch um einen Bakran Thomas kümmern? Sie lieben Frauen, trinken Wein, freuen sich ihrer Gesundheit! Auch er würde sich gleichfalls freuen, wenn sie hierlägen und er gesund wäre! So ist das Leben! Das Leben bewegt sich über Leichen! Entweder man ist eine Leiche oder man geht über Leichen! Sie sind ja jung, die Freunde und Genossen!

Das alles ist dem Mond völlig gleichgültig! Und ebenso sind auch die Menschen einander gleichgültig! Und auch alles andere, das ihn mit diesen Leuten verband, auch das geht ihn absolut nichts an! Alles ist zu Ende!

Auch jenes hysterische, hinkende Weib in ihrer Barchentbluse, mit geschwollenen Krampfadern, die halbverrückte Geisteskranke, die seine leibliche Mutter ist!

Ist der Mensch gut, dann ist er Christ! Aber er will ja kein Christ sein! Wenn aber ein Mensch gut sein will, wäre das dann die Lösung des Problems? Und es schien ihm, als wäre es eine ernst zu nehmende Lösung. Aber was würde es nützen, wo doch die Menschen Scheusale sind! Einer wie der andere, Scheusale! Jeder trägt eine Giftschlange im Herzen!

Die Menschen sind kleinlich, zerknittert, armselig! Von Geburt auf sind Menschen trüb! Friede war mit Thomas Bakran. Die Motive seiner lichten Visionen, die ihn im Traum wie Wellen hochgetragen hatten, strömten jetzt in ihm zusammen, und er fühlte nichts mehr als die Macht der Stille in seinem Herzen, die ihn wie ein heller Himmel überwölbte.

Heute früh bemerkte er das alles nicht, denn vor einigen Minuten träumte er noch von Frau Mailaender und sah sie in ihrer grünen Seidenbluse deutlich vor sich stehen. In kräftigen, von Ozon durchwaschenen lenzlichen Farben, in einem übernatürlich saftigen, geradezu tropisch schwellenden Kolorit stand er dort an einem sandigen Ufer, an einer unendlichen horizontalen, silbernen Sandlinie und betrachtete die blauen Wellen, die schäumten und die sich wälzten — geradezu rollten — wie dicke Delphine.

Blätter eines Palmenbaumes rauschten am Ufer, und über dem dunkelgrünen Meer dampften Wolken. Das Zimmer war in diesem Augenblick voll Sonne, alle Umrisse der Gegenstände glänzten, vom hellen Licht umspielt, dazu die junge Frau aus dem Traum, und die krankhaften schmutzigen Zweifel waren wie Sumpfgas verdunstet, um Bakran war es nun vollkommen licht und klar, und es schien ihm, als gäbe es im Leben Gründe, für die man leben könnte und leben sollte.

Der Mensch kann eine junge Frau lieben! Sämtliche Möglichkeiten sind noch nicht erschöpft! Die Glocke vom benachbarten Kirchturm meldete sich mit einem sehr hohen Ton, und dieses unangenehme, abgerissene Läuten weckte panikartig die Erinnerung an das theatrale Bimmeln des Leichenhausglöckleins. Zwei Tage nach dem Begräbnis des alten Walter war der junge Walter in die Stadt zurückgekehrt und hatte Viktor Kunej unter einem falschen Namen auf einem nicht exponierten Bett, neben der Glastür im Eck, in seiner Abteilung des Krankenhauses untergebracht.

Kunej kannte Thomas Bakran, sie arbeiteten zusammen, waren auch einige Male gemeinsam in Haft, aber er konnte sich mit diesem jungen Mann nie anfreunden. Seiner persönlichen Meinung nach waren Märtyrer und Heilige die Revolution gefährdende Erscheinungen.

Denn tatsächlich sah Bakran dieses umfassende Problem weitreichender revolutionärer Perspektiven nicht als eine gewaltige, mammuthafte konstruktive Kraftanstrengung des Gehirns, sondern als eine reale Frage des Sieges seiner persönlichen, wirklichen, körperlichen, physiologischen, geschlechtlichen und magensättigenden Bedürfnisse. Die religiösmessianische Begeisterung für Thesen und Dogmen bedeutete für den schwindsüchtigen Bakran Genesung, für den Geschlechts-Märtyrer, der in der Einsamkeit unendlich viel gelitten hatte und dann von kranken Frauen vergiftet wurde, aber eine kulturelle, höhere und gesündere Erotik.

Sein von der ersten Kindheit und frühesten Jugend an so oft erniedrigter, beleidigter und zurückgesetzter innerer Mensch sehnte sich nach Satisfaktionen und Nivellierungen irgendwelcher Art, nach Gleichberechtigung, und zwar innerhalb von vierundzwanzig Stunden.

In flüssigem Zustand hat das Gas nur noch ein Sechshundertstel seines üblichen Volumens. Aber der Erdölfachmann J. Platt vom Shell-Konzern warnte: Ebensowenig würden sich Seeleute finden, die auf einem solchen Selbstmörderschiff fahren wollen. In der amerikanischen Stadt Cleveland zum Beispiel, die ihre Gasversorgung auf Erdgas umgestellt hatte, wurden im Jahre durch eine Erdgasexplosion Menschen getötet, als das Gas aus einem leckenden Sammeltank ausgeflossen und in Brand geraten war.

Eine Anlage steht in der Sowjet-Union, die andere ist wegen der Explosionsgefahr auf einem Schiff untergebracht, das einige Meilen vor der amerikanischen Küste im Golf von Mexiko vor Anker liegt und durch Rohrleitungen mit Erdgasquellen verbunden ist. Sir Harold Smith will aber das "kühne Experiment" - so nannte der britische Generalzahlmeister Reginald Maudling den Gastransportplan vor dem Unterhaus - trotz der Risiken wagen.

Amerikanische Schiffbauer haben dem Gasrats -Präsidenten vor einiger Zeit versichert, sie könnten jetzt mit Hilfe neuer Techniken garantiert sichere Gastransporter bauen. Smith möchte, falls sich das erste Versuchsschiff bewährt, eine ganze Flotte von Gastransportern zwischen dem Golf von Mexiko und London pendeln lassen.

Die Schiffe sollen bei der amerikanischen schwimmenden Gasverflüssigungsstation beladen werden. Dort soll das flüssige Gas vorsichtig verdampft und durch Rohrleitungen an die Verbraucher in London weitergeleitet werden. Die Schiffsbau-Ingenieure rüsten den ersten Gastransporter mit vier riesigen Tanks aus, die ein Fassungsvermögen von zusammen Tonnen haben. Als Isoliermittel verwenden die Schiffbauer Balsaholz, eine südamerikanische Holzart, die leichter ist als Kork.

Stahl kann beim Bau der Gastanks nicht verwendet werden: Er würde bei der extrem tiefen Temperatur spröde und brüchig werden. Von jedem Tank aus führt ein Ventil ins Freie, denn trotz der Thermosflaschen -Isolierung verdampft immer ein geringer Teil der flüssigen Ladung.